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Ratgeber · aktualisiert am

Growth Hacking für SaaS: der Leitfaden

Growth Hacking klingt nach Tricks. Für eine B2B-SaaS ist es etwas Nüchterneres: ein fester Ablauf, in dem du Maßnahmen für Wachstum auswählst, umsetzt, misst und danach behältst oder streichst. Dieser Leitfaden zeigt, wie das mit wenig Zeit und kleinem Budget funktioniert, welche Maßnahmen zu welcher Phase passen und woran Experimente häufig scheitern.

Die Beispiele stammen aus unserem Deck mit 45 Growth-Karten. Jede Karte beschreibt eine Maßnahme mit Mechanik, Bedingungen, Voraussetzungen, Aufwand, Kosten und der Kennzahl, an der du den Erfolg siehst. Viele davon haben wir in unseren eigenen Produkten RefFlow, Marktohr und Nennbar umgesetzt.

Was Growth Hacking für B2B-SaaS bedeutet

Growth Hacking heißt: Du behandelst Wachstum wie ein Produktthema. Statt eine Kampagne zu planen und auf ein gutes Ergebnis zu hoffen, formulierst du eine Annahme, wählst eine Maßnahme, legst eine Kennzahl und einen Prüftermin fest und entscheidest danach anhand der Zahlen. Marketing, Vertrieb und Produkt arbeiten dabei an derselben Frage: Was bringt uns zahlende Kunden, die bleiben?

Bei B2B-SaaS unterscheidet sich das in drei Punkten vom Geschäft mit Endkunden. Erstens ist die Zahl möglicher Kunden kleiner, dafür ist jeder einzelne mehr wert. Ein Test mit wenigen Dutzend Kontakten kann deshalb schon etwas zeigen, wenn du sauber misst. Zweitens kaufen oft mehrere Personen gemeinsam. Wer das Produkt täglich nutzt, ist nicht immer die Person, die den Vertrag unterschreibt. Drittens dauern Entscheidungen länger. Eine Maßnahme, die heute startet, zeigt ihre Wirkung manchmal erst nach Wochen.

Daraus folgt eine einfache Arbeitsweise. Du brauchst keine Liste mit hundert Ideen, sondern wenige gut gewählte Maßnahmen, die zu deinem Produkt und deiner Phase passen, und einen festen Rhythmus, in dem du sie prüfst. Der Rest dieses Leitfadens beschreibt genau diesen Ablauf.

Growth Loops statt Funnel

Der klassische Funnel denkt in eine Richtung: Besucher werden zu Interessenten, Interessenten zu Kunden. Was oben hineinkommt, musst du immer wieder neu beschaffen, mit Anzeigen, Inhalten oder Vertriebszeit. Ein Growth Loop ist ein Kreislauf. Die Nutzung durch bestehende Kunden bringt neue Besucher, von denen ein Teil selbst Kunde wird und wieder neue Besucher bringt.

Ein Beispiel aus RefFlow: Kunden schicken Referenzen zur Freigabe an ihre eigenen Kunden. Auf den Seiten, die dabei nach außen gehen, steht ein dezenter Hinweis mit Link und Kampagnen-Kennung (Karte G01). Wer die Seite öffnet, sieht das Produkt im Einsatz und kann dem Link folgen. Jede Freigabe zeigt das Produkt also Menschen, die es sonst nicht gesehen hätten, ohne dass ein Werbebudget fließt.

Im Kartendeck stehen fünf solcher Schleifen in der Kategorie Produkt-Schleifen:

Schleifen passen nicht zu jedem Produkt. Bleiben die Ergebnisse intern oder sind sie vertraulich, gibt es nichts, was Kunden nach außen zeigen. Dann trägt eher eine Schleife über Inhalte: Öffentliche Antwortseiten aus Produktdaten (Öffentliche Antwortseiten aus Produktdaten) oder ein Marktbericht mit eigenen Daten (Marktbericht mit eigenen Daten) bringen Suchverkehr und Erwähnungen, aus denen neue Besucher kommen.

Den Funnel brauchst du trotzdem weiter, um zu sehen, wo Besucher abspringen. Der Loop ändert nur die Frage. Sie lautet nicht mehr allein „Wie bekomme ich mehr Besucher?“, sondern auch „Wie bringt jeder neue Kunde den nächsten?“.

Experimente priorisieren mit ICE

Ideen gibt es immer mehr als Zeit. ICE ist ein einfaches Raster, um sie zu ordnen. Jede Maßnahme bekommt drei Werte von 1 bis 10:

  • Impact (Wirkung): Wie stark bewegt die Maßnahme deine wichtigste Kennzahl, wenn sie funktioniert?
  • Confidence (Sicherheit): Wie gut ist belegt, dass sie bei einem Produkt wie deinem funktioniert? Eigene Zahlen, Kundengespräche und Beispiele aus ähnlichen Produkten erhöhen den Wert, ein Bauchgefühl nicht.
  • Ease (Leichtigkeit): Wie schnell und günstig kannst du sie umsetzen? Eine Karte mit Aufwand S ist leicht, eine mit Aufwand L braucht Wochen.

Multipliziere die drei Werte und sortiere nach dem Ergebnis. Die Zahl ist keine Vorhersage, sondern eine begründete Reihenfolge. Schreib zu jedem Wert einen Satz, warum du ihn vergeben hast. Beim Prüftermin siehst du dann, welche Annahme falsch war, und bewertest die nächste Runde genauer.

Bevor du bewertest, sortierst du aus. Eine Karte fällt weg, wenn eine Bedingung aus „Passt nicht, wenn“ auf dein Produkt zutrifft, wenn eine Voraussetzung fehlt oder wenn die Maßnahme im Zielmarkt rechtlich nicht geht. Ein Beispiel für den letzten Fall ist Cold E-Mail: In Deutschland ist B2B-Cold-Mail ohne mutmaßliche Einwilligung unzulässig (§ 7 UWG). Für einen Plan, der sich an deutsche Firmen richtet, steht die Karte deshalb gar nicht erst zur Wahl.

In Sogwerk bewertet die KI jede verbleibende Karte nach diesen drei Werten und begründet sie mit Fakten aus deinem Produktprofil. Karten, die wir in eigenen Produkten belegt haben, bekommen bei der Sicherheit einen Punkt mehr. Du siehst zu jeder Karte die Begründung und kannst sie ändern.

Höchstens fünf Maßnahmen je 30 Tage

Eine lange Ideenliste verleitet dazu, zu viel gleichzeitig zu starten. Dann weiß am Ende niemand, welche Maßnahme gewirkt hat. Für unser Kartendeck gelten deshalb feste Regeln:

  • Je 30 Tage laufen höchstens fünf Maßnahmen.
  • Mindestens eine davon hat Aufwand S, damit früh etwas fertig wird.
  • Höchstens eine hat Aufwand L, damit eine große Maßnahme nicht alle anderen blockiert.
  • Keine zwei Maßnahmen bewegen dieselbe Kennzahl. Sonst kannst du Ergebnisse nicht zuordnen.

Jede Maßnahme bekommt beim Start eine Kennzahl, ein Ziel und einen Prüftermin nach 30 Tagen. Am Prüftermin markierst du sie als „wirkt“, „unklar“ oder „wirkt nicht“. Was wirkt, bleibt im Plan und wird ausgebaut. Was nicht wirkt, fliegt raus und macht Platz für die nächste Karte.

„Unklar“ ist eine ehrliche Antwort, wenn die Wirkung später einsetzt. Jede Karte nennt, ab wann du mit einer Wirkung rechnen kannst. Ein Gründerpreis mit Frist zeigt nach etwa einer Woche, ob gebucht wird. Programmatische Seiten je Branche oder Rolle brauchen dagegen rund 90 Tage. Bei solchen Karten prüfst du nach 30 Tagen eine Vorstufe, etwa ob die Seiten indexiert sind, und hältst den Termin für die eigentliche Kennzahl fest.

In Sogwerk fließt jedes Ergebnis zurück in das Deck: Die Sicherheit einer Karte steigt oder sinkt bei ähnlichen Projekten, je nachdem, wie sie bei dir gewirkt hat.

Welche Maßnahmen zu welcher Phase passen

Welche Maßnahme sinnvoll ist, hängt stärker von der Phase deines Produkts ab als von der Branche. Wir unterscheiden drei Phasen, und jede hat eine klare Bedingung für den Übergang zur nächsten.

Validierung: Du prüfst, ob jemand zum vollen Preis kauft. Hier helfen persönliche, günstige Maßnahmen wie Problemgespräche in Communities, warme Einführungen über Multiplikatoren, ein Design-Partner-Programm und ein Gratis-Check ohne Konto. Miss von Anfang an, woher jeder Kunde kommt (Herkunft messen, bevor Kanäle wachsen). Weiter geht es, wenn mehrere Käufe zum vollen Preis belegt sind und du weißt, über welchen Weg diese Kunden kamen.

Traktion: Aus den ersten Erfolgen wird ein wiederholbarer Kanal. Jetzt lohnen sich das Empfehlungsprogramm, Alternativen- und Vergleichsseiten, Marktplätze und Software-Verzeichnisse und ein kleiner Paid-Test mit zwei Botschaften. Teste wenige Kanäle gleichzeitig und miss die Kosten pro Kunde. Weiter geht es, wenn mindestens ein Kanal planbar Kunden bringt und sich die Kosten pro Kunde in absehbarer Zeit zurückzahlen.

Skalierung: Du baust aus, was funktioniert. Erst jetzt passen Karten mit großem Aufwand und langer Vorlaufzeit, etwa eine Integration mit Werkzeugen der Zielgruppe, eine Rangliste mit Siegel oder Newsletter-Sponsoring. Mehr Budget macht einen schwachen Kanal nicht besser. Prüfe deshalb jeden Monat, ob Kosten pro Kunde und Bindung stabil bleiben.

Nach Kategorie betrachtet: Produkt-Schleifen und Partner und Verzeichnisse brauchen bestehende Kunden oder ein festes Angebot und passen meist ab der Traktion. Gratis-Werkzeuge, Angebot und Preis sowie Vertrieb und Outbound wirken oft schon in der Validierung. Bezahlte Kanäle kommen erst, wenn klar ist, welche Botschaft verkauft. Inhalte und SEO sowie GEO brauchen Geduld, kosten aber kaum etwas je weiterem Besucher.

Growth Hacking ohne Budget

Viele Karten kosten kein Geld, sondern Zeit. Wenn das Budget klein ist, fängst du dort an. Diese Karten haben im Deck die Kosten „keine“ oder „Zeit“:

Ohne Budget ist Zeit die knappe Größe. Die Regel mit höchstens fünf Maßnahmen gilt hier erst recht. Lieber zwei Maßnahmen sauber umsetzen und messen als fünf halb.

Auch Angebote können ohne Werbebudget wirken, weil sie Marge kosten statt Geld vorab. Ein Gründerpreis mit Frist oder eine Ergebnisgarantie kosten erst dann etwas, wenn tatsächlich jemand kauft. Beim Gründerpreis muss die Frist echt sein, sonst ist das eine Irreführung nach § 5 UWG.

Typische Fehler

Viele Probleme mit Growth Hacking haben weniger mit der einzelnen Maßnahme zu tun als mit dem Ablauf drumherum. Auf diese Fehler solltest du achten:

  • Zu viele Experimente gleichzeitig. Wenn acht Maßnahmen parallel laufen, weißt du am Ende nicht, welche gewirkt hat. Halte dich an fünf je 30 Tage und an eine eigene Kennzahl je Maßnahme.
  • Kanäle ausbauen, bevor die Herkunft gemessen wird. Ohne Herkunftsmessung (Herkunft messen, bevor Kanäle wachsen) kannst du nicht sagen, welcher Kanal Kunden bringt, die bleiben. Das gehört an den Anfang.
  • Bezahlte Kanäle zu früh. Anzeigen verstärken eine Botschaft, die schon funktioniert, sie finden keine. Ein kleiner Paid-Test passt erst, wenn Käufe zum vollen Preis belegt sind, und sein Budget dient zum Messen, nicht zum Skalieren.
  • Maßnahmen aus der falschen Phase. Ein Partner- und Agenturprogramm braucht einen Agentur-Tarif und eine Partnerseite. Eine Rangliste mit Siegel braucht faire, messbare Kriterien, zwei Messdurchgänge und eine Rechtsprüfung. Beides ist in der Validierung zu viel.
  • Rechtliche Grenzen übersehen. Cold E-Mail an deutsche Firmen ist ohne mutmaßliche Einwilligung unzulässig (§ 7 UWG), Retargeting geht nur mit Einwilligung (TTDSG, DSGVO). Jede Karte nennt die Hinweise, die für sie gelten.
  • Ergebnisse nicht auswerten. Ohne Prüftermin laufen Maßnahmen einfach weiter, auch wenn sie nichts bringen. Trag den Termin beim Start ein und entscheide dann: behalten, ändern oder streichen.
  • Aktivierung vergessen. Mehr Registrierungen helfen wenig, wenn neue Nutzer kein Ergebnis sehen. Ein erstes Ergebnis in unter zehn Minuten verbessert jeden Kanal gleichzeitig.

So fängst du an

Für den ersten Durchlauf brauchst du einen Nachmittag und eine Tabelle:

  1. Bestimme deine Phase: Validierung, Traktion oder Skalierung.
  2. Öffne die Kartenbibliothek und streiche alle Karten, bei denen eine Bedingung aus „Passt nicht, wenn“ zutrifft, eine Voraussetzung fehlt oder der Rechtshinweis für deinen Markt dagegen spricht.
  3. Bewerte die übrigen Karten mit ICE und schreib zu jedem Wert eine Begründung.
  4. Wähle höchstens fünf: mindestens eine mit Aufwand S, höchstens eine mit Aufwand L, keine zwei für dieselbe Kennzahl.
  5. Leg für jede Maßnahme Kennzahl, Ziel und Prüftermin fest.
  6. Prüfe nach 30 Tagen, markiere jede Maßnahme und zieh die nächsten Karten.

Wie diese Maßnahmen in einen vollständigen Plan mit Zielgruppe, Positionierung, Budget und Wochenrhythmus passen, beschreibt der Leitfaden SaaS-Marketingplan erstellen.

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